Kein Lehrplan? Wie soll das gehen?

In einer freien demokratischen Schule gibt es keinen Lehrplan. Das bedeutet, einem Schüler wird dort nicht vorgeschrieben, wie er seine Zeit zu nutzen hat (Ausnahmen kann es geben, jedoch nur wenn sie gemeinsam demokratisch beschlossen werden). Dies ist äquivalent dazu zu sehen, wie wir andere Erwachsene in einer freien demokratischen Gesellschaft begegnen – man schreibt jemand anderem nicht vor, was er zu tun und zu lassen hat. In einem solchen Umfeld werden die Grenzen des Tuns und Lassens nicht von Einzelnen gegenüber Anderen willkürlich bestimmt, sondern ausschliesslich gesamtgesellschaftlich in einem demokratischen Prozeß als für alle Menschen in dieser Gemeinschaft gültige Gesetze ausformuliert. Genau das passiert im kleinen Rahmen in einer freien demokratischen Schule. Sozusagen werden Kindern in einem solchen Rahmen ihre vollen Menschenrechte zugestanden, sie werden nicht nach ihrem Alter diskriminert und es wird kein Zwang auf sie ausgeübt, damit ihre Tätigkeiten und ihre Entwicklung den Vorstellungen Anderer entsprechen.

Nun könnten Einige sagen: „Schön und gut, aber wenn ich die Kinder nicht dazu zwinge, lernen sie doch nichts“. Dieser Einwand stammt erstens aus einer Konditionierung heraus, wie Schule und Lernen auszusehen hat – nämlich so, wie man Selbst es erlebt hat. Zwang war und ist allgegenwärtig im Schulsystem, in manchen Modellen stärker und offener sichtbar, in anderen weniger stark oder auch nur besser verschleiert. Als Schüler, die durch die Regelschule gegangen sind – wie ich selbst auch – wird der ständige Druck, der auch langsam hochgeschraubt wird, allmählich zum Normalzustand. Würde man dasselbe System beibehalten, aber den Zwang und Druck entfernen, könnte es durchaus sein, dass nicht die Dinge gelernt werden, die von den Schülern erwartet werden, was uns zum zweiten Punkt bringt. Jeder Lehrplan fusst auf konkreten Erwartungen, welche Fähigkeiten eine Absolventin der Schule haben soll. Ich glaube nicht, dass es diesbezüglich keine Erwartungen geben sollte, sondern dass die üblichen Erwartungen einfach die falschen und schlecht durchdacht sind.

Was für Erwartungen werden denn heutzutage an Schüler gestellt, die ihre Schulpflicht (die in Österreich ja tatsächlich eine Bildungspflicht ist) erfüllt haben? Sie sollen Kenntnisse im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache sowie auch in Englisch haben, sollen firm im Lösen mathematischer Probleme sein, bestimmtes Wissen in Geschichte, Geographie, Biologie, Physik etc. haben. Zugrunde liegt hier das Konzept einer „allgemeinen Bildung, die jeder braucht“. Jedoch frage ich mich, ob es so etwas tatsächlich gibt – diese Vorstellung stammt nämlich aus Zeiten, in denen der bekannte Wissensraum der Menschheit noch relativ überschaubar war. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich das Wissen der Welt im Moment etwa alle 5-12 Jahre verdoppelt und es sich um ein exponentielles Wachstum handelt (siehe auch Informationsexplosion). Bereits heute ist die Menge an Information in der Welt unüberschaubar groß, kein einzelner Mensch kann realistischerweise über alle bekannten Themengebiete ein Basiswissen besitzen. In 12 Jahren hat sich dieser gewaltige Wissensberg nochmals verdoppelt, vieles was bis dorthin erforscht und erkannt wurde ist heute noch völlig unbekannt, d.h. man kann sich auch kaum auf das, was dann wesentlich sein wird, vorbereiten.

Darum macht es aus unserer Sicht wenig Sinn, einen Lehrplan fix vorzugeben, noch dazu wo heutzutage das viele Wissen ja auch nicht mehr notgedrungen im Kopf gespeichert sein muss, denn hier und jetzt kann fast jeder in unserer Gesellschaft zu seinem Smartphone greifen und damit sofort Zugriff auf den größten Teil des Wissens der Menschheit haben. Es wäre auch unsinnig zu versuchen, möglichst vieles im Kopf abzuspeichern, weil diese Speicherart unpraktisch, langsam und fehleranfällig ist – für alles was wir nicht tagtäglich oder sehr regelmässig brauchen, ist die digitale Speicherung im Internet (inklusive fehlerfreier Reproduktion) einfach haushoch überlegen. Um effizient zu sein, habe ich das Alltägliche gut zu beherrschen und die Recherche sowie das Aussieben und Hinterfragen von Information, um Relevantes zu finden, wenn man es braucht (im Grunde ist der Umgang mit Information bereits heute eine wichtige Alltagsfertigkeit und die Wichtigkeit dessen wird noch zunehmen).

Aufgrund dieser Überlegungen reduziert sich die Anforderung, was ein Mensch an Wissen zu lernen hat, auf die Anforderungen seines individuellen Alltags. Da man von heute nicht darauf schließen kann, was jemand in 12 Jahren oder später in seinem Alltag benötigen wird, macht es wenig Sinn, zu versuchen einen Lehrplan diesbezüglich aufzustellen. Wir können nur versuchen, einem jungen Menschen die Verantwortung über seinen Alltag selbst in die Hand zu geben, damit er durch direkte Erfahrung lernt, seinen Tag nicht nur zu gestalten, sondern sich auch alles anzueignen, was er benötigt, um das tun zu können, was er tun will.

Um ein Beispiel zu geben, nehmen wir ein 8jähriges Mädchen, dass ein Baumhaus haben möchte. In einer freien demokratischen Schule (in der es auch den Grünraum dafür gibt) kann dieses Mädchen seinen Wunsch verwirklichen, jedoch wird es nicht jemand Anders bauen. Sie hat entweder sich selbst zu überlegen, wie sie es alleine umsetzen kann oder andere (Kinder oder Erwachsene) dafür zu gewinnen, bei der Umsetzung mitzuarbeiten. Viele Dinge müssen organisiert werden, wie z.B. welches Material wird benötigt, wo bekommt man es her, welches Werkzeug wird benötigt, wie bekommt man das Material auf den Baum etc. Mit anderen Worten, dadurch, dass die Erwachsenen hier zur Unterstützung verfügbar sind, ohne etwas von sich aus vorzugeben, bietet sich für das Kind ein Raum, in dem es sich genau das, was es hier und jetzt braucht, aneignen kann, sei es durch learning by doing, Befragen anderer Menschen, Beobachtung Anderer oder suchen im Internet (meistens passiert eine Mischung aus vielen Lernarten). Sobald einem Menschen die Gestaltung seines Alltags sowie der Erwerb der dazu nötigen Kompetenzen in die eigene Hand gelegt wird, lernt er, genau das zu lernen, was er auch gerade braucht. Dadurch kann er sich seinen Alltag und seine Kompetenzen immer wieder an aktuelle Anforderungen anpassen – und das ist im Grunde das Zukunftsträchtigste, was man überhaupt lernen kann. Wenn das Dazulernen kein notwendiges Mühsal ist, um die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, sondern ein natürlicher Teil der selbstverantwortlichen Gestaltung meines Alltags, kann ich mich auch mit jeglichen Neuerungen in der Welt gut zurechtfinden.

Somit wird in einer freien demokratischen Schule kein expliziter Lehrplan verwendet, sehr wohl jedoch grundlegende Fähigkeiten implizit gefördert, indem man Lernen aus eigener Erfahrung inklusive der Fehler, die man dabei macht, zulässt und dabei als Erwachsener einfach präsent und verfügbar ist, ohne sich ungefragt einzumischen. Weitere sehr wichtige Fähigkeiten, die in einem freien demokratischen Rahmen gelebt und dadurch zur zweiten Natur werden, sind soziale und kommunikative Fertigkeiten sowie das Übernehmen der Verantwortung über das eigene Leben als auch für die Gesellschaft, in der man sich befindet. Tatsächlich können letztere Fähigkeiten in einem klassischen Schulkontext kaum gelernt werden, bzw. wenn dann hauptsächlich ausserhalb des Lehrplans, da die Struktur in der Regelschule keine demokratische ist, sondern eher eine autokratische.

Auch die Praxis spricht für die Fähigkeit von freien demokratischen Schulen, junge Menschen auf ihr weiteres Leben adäquat vorzubereiten – die ursprüngliche Sudbury Valley School existiert seit 1968, mittlerweile sind viele Dutzend Schulen dieses Typs über den ganzen Globus verteilt und es gibt auch einige Evaluationen von Absolventen, die durchwegs positiv ausfielen. Für eine weitere Lektüre zu diesem Thema kann ich folgende Publikationen empfehlen:

Gray, Peter & David Chanoff (1986). Democratic schooling: What happens to young people who have charge of their own education? American Journal of Education 94, no. 2: 182-213.

Greenberg, Daniel & Mimsy Sadofsky (1992). Legacy of trust life after Sudbury Valley School. Framingham, MA: Sudbury Valley School Press.

Greenberg, Daniel; Mimsy Sadofsky; and Jason Lempka (2005). The pursuit of happiness: The lives of Sudbury Valley alumni. Framingham, MA: Sudbury Valley School Press.

 

Gerald Scheibelhofer

 

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1 Kommentar zu „Kein Lehrplan? Wie soll das gehen?

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