Der demokratische Rahmen

Wie wird das Recht auf Mitbestimmung in einer freien demokratischen Schule nun tatsächlich umgesetzt? Nachdem durch diese Mitbestimmung sich die einzelnen Schulen ja auch individuell entwickeln, gibt es hier verschiedene Variationen, ich möchte der Einfachheit halber nur den „Prototyp“, wie er an der Sudbury Valley School gehandhabt wird, erklären. Dort gibt es jede Woche zu einem fixen Termin eine Schulversammlung, wo jeder Schüler und jeder Mitarbeiter der Schule teilnehmen kann, aber niemand gezwungen ist, teilzunehmen. Geleitet wird diese Versammlung von der Vorsitzenden der Schulversammlung, für diese Funktion stellen sich üblicherweise mehrere Schüler zur Wahl und zu Anfang des Jahres bzw. Semesters wird ein Vorsitz gewählt. Der Ablauf einer Schulversammlung ist strikten Regeln unterworfen, in diesem Falle den Robert’s Rules of Order, um einen möglichst effizienten, fairen und reibungsfreien Ablauf zu gewährleisten. Tagesordnungspunkte haben bereits vor Beginn der Versammlung eingebracht zu werden, damit jeder an der Schule im Vorhinein sehen kann, was die aktuellen Diskussionspunkte der Schulversammlung sind, um auch entscheiden zu können, ob man zu diesen Diskussionen etwas beitragen möchte bzw. mitentscheiden möchte oder nicht.

Die Schulversammlung bestimmt über alles, was den täglichen Ablauf in der Schule betrifft, z.B. dass eine Regel neu eingeführt, geändert oder gestrichen werden soll. Das Regelwerk oder „Gesetzbuch“ der Schule entwickelt sich durch die Partizipation aller Menschen an der Schule und oftmals durch das Auftreten von Situationen, die noch ungeregelt sind, von denen aber einige meinen, es sollte dazu Regeln geben. Zwar gibt es an einer Sudbury Schule üblicherweise viele Regeln, jedoch sind sie dafür gedacht, die Freiheit des Einzelnen zu schützen (im Sinne von „die eigene Freiheit endet, wo die Freiheit der Anderen beginnt“) und sie sind durch Mehrheitsbeschlüsse in einem demokratischen Prozess entstanden. Daher fühlen sich die Schüler auch nicht, wie in anderen Systemen, machtlos in einem fremden Korsett eingezwängt (im Sinne von „die Mächtigen zwingen mir ihre Regeln auf und ich habe nichts zu sagen“), sondern merken schnell, dass diese Regeln von der Allgemeinheit getragen werden und sie auch selbst die Möglichkeit haben, gewünschte Veränderungen einzubringen.

Ein anderes, konkreteres Beispiel wäre die Widmung eines Raums der Schule für eine besondere Aktivität, wenn sich z.B. einige Schüler sehr für Musik interessieren und es Sinn macht, dass die Musiker ungestört proben können und auch die anderen Schüler dadurch nicht gestört werden sollen. Dann wird das als Tagesordnungspunkt eingebracht und auf der Schulversammlung diskutiert, darüber abgestimmt und dann gibt es plötzlich einen eigenen Musikraum in der Schule. In weiterer Folge wird dann vermutlich auch noch diskutiert, ob die Schule aus ihrem Budget Ausstattung für diesen Raum finanziert (Schallisolation, Instrumente, Verstärker etc.) und ob es noch klarer Regeln zur Nutzung des Raums bedarf (so dass z.B. niemand ausserhalb des Raums durch die Proben zu sehr gestört wird). Für solche Aktivitäten, die mehrere Schüler regelmässig machen möchten, werden meist Gruppen gebildet, die dann z.B. auch für ihren Bereich die Verantwortung übertragen bekommen. Solche Gruppen veranstalten meist auch zusammen Fundraisings, wie etwa Konzerte der Musikgruppe, um Geld zu sammeln für bessere Ausstattung der Musikräumlichkeiten.

Es bilden sich oftmals auch noch eigene Kommitees, um die Schulversammlung zu entlasten, wie das Justizkomitee mit rotierender Besetzung, welches die Aufgabe hat, gemeldete Regelverstösse zu untersuchen und falls Übertretungen festgestellt werden, dafür Konsequenzen auszusprechen. Dadurch soll einerseits ein fairer Prozeß ermöglicht werden, der Schulversammlung mehr Zeit für andere organisatorische Dinge freigemacht werden und durch die rotierende Besetzung des Justizkomitees auch jeder einmal in die Rolle des „Rechtssprechers“ kommen. So erleben alle Beteiligten, dass die Regeln für alle Mitglieder der Gemeinschaft da sind, um diese zu schützen und es nicht um willkürliche Bestrafungen geht.

Zusätzlich gibt es noch einmal im Jahr eine Schulvollversammlung, in dem auch die Eltern mitbestimmen dürfen. Diese Versammlung bestimmt z.B. wie das Budget für das nächste Schuljahr aufgeteilt werden soll. Warum sitzen hier auch die Eltern mit im Boot obwohl sie in den wöchentlichen Schulversammlungen nicht mitreden dürfen? Nun, was das Schulgeld betrifft, so wird das meist von den Eltern bezahlt und dadurch sind sie automatisch für diese Frage auch Stakeholder, wodurch es Sinn macht ein Mitspracherecht zu haben. Was die alltäglichen Aktivitäten und Organisationen an der Schule angeht, so sind die Schüler zwar direkt betroffen, jedoch nicht die Eltern, daher sitzen die Eltern nicht in der Schulversammlung.

Für weitere Informationen kann ich folgende Videos aus der Interviewreihe von Martin Wilke und Henning Graner empfehlen:

Die Schulversammlung

Konfliktlösung: Justizkomitee

 

Gerald Scheibelhofer

 

 

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